Mobbing in der Schule: «Meine Tochter weinte 3 Monate lang» — eine Mutter erzählt, was die Schule ihr verschwiegen hat

Veröffentlicht am: 26. Mai 2026
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Trauriges Schulkind allein im Schulhof

„Meine Tochter kam jeden Tag heim, ging in ihr Zimmer und weinte. Drei Monate lang. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.“ Diese Worte stammen von Christine, einer 41-jährigen Mutter aus Stuttgart. Ihre Tochter wurde zwischen Oktober 2025 und Februar 2026 systematisch in der Schule gemobbt. Heute geht es ihr deutlich besser — dank einer Strategie, die Christine in 3 Monaten umgesetzt hat. Sie erzählt, was funktioniert hat und was die Schule verschwiegen hat.

Wie alles begann

„Es begann harmlos. Ein paar Spitzfindigkeiten in der Pause. Eine WhatsApp-Gruppe, in der meine Tochter ausgeschlossen war. Drei Wochen später wurden ihre Sachen aus dem Spind genommen. Dann kam ein Tag, an dem sie nicht mehr in die Schule wollte. Da habe ich gemerkt: Das ist Mobbing.“

Christine ist nicht allein. Eine Bertelsmann-Studie 2026 zeigt: 17 % der deutschen Schüler erleben in einem Schuljahr Mobbing — das sind etwa 1,6 Millionen Kinder. Die Dunkelziffer wird viel höher geschätzt.

Schritt 1: Das Kind hören, NICHT bewerten

„Der erste Fehler von Eltern“, sagt Christine, „ist sofort einzugreifen. ‚Du musst dich wehren!‘ — solche Sätze sind katastrophal. Sie machen das Kind doppelt schuldig: einmal für das Mobbing, einmal für sein Versagen, sich zu wehren.“

„Ich habe mich gezwungen, einfach zuzuhören. Ohne Lösung anzubieten. Eine Woche lang. Es war das Schwerste, was ich je getan habe.“

Schritt 2: Beweise dokumentieren

Das war Christines entscheidender Schritt. „Ich habe meiner Tochter geholfen, ein Tagebuch zu führen: Datum, Uhrzeit, was passiert ist, wer dabei war, wer es gesehen hat. Screenshots von Nachrichten. Fotos von beschädigten Sachen.“

Warum so wichtig? „Ohne Dokumentation hört keine Schule zu. Mit Dokumentation müssen sie reagieren — das ist gesetzlich vorgeschrieben.“

Schritt 3: Den richtigen Ansprechpartner finden

„Mein größter Fehler“, erinnert sich Christine, „war zuerst zum Klassenlehrer zu gehen. Er war überfordert. Beim zweiten Anlauf bin ich direkt zur Schulleitung. Mit dem Tagebuch in der Hand. Das war der Wendepunkt.“

Die offiziellen Ansprechpartner in der deutschen Schule:

  • Klassenlehrer — erster Schritt, aber oft nicht genug
  • Schulleitung — verpflichtet zu reagieren, mit dokumentierten Vorfällen
  • Vertrauenslehrer — für sensible Fälle
  • Schulpsychologe — kostenlos, vertraulich
  • Schulamt — wenn die Schule nicht reagiert
  • Polizei (110) — bei körperlicher Gewalt

Schritt 4: Die Hotline 116 111

„Was kaum jemand weiß: Die kostenlose Hotline ‚Nummer gegen Kummer‘ (116 111) ist nicht nur für Kinder. Sie ist auch für Eltern. Dort habe ich zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass mir jemand zuhört. Die Beraterin hat mir konkrete Schritte gegeben. Das hat alles verändert.“

Auch das Elterntelefon 0800 111 0 550 bietet kostenlose Beratung — beide werden nicht im Lehrbuch der deutschen Eltern erwähnt, aber sie können Leben retten.

Schritt 5: Schule wechseln — Ja oder Nein?

„Wir haben überlegt, die Schule zu wechseln. Aber die Schulpsychologin hat uns davon abgeraten. ‚Ein Schulwechsel kann das Problem mitnehmen, wenn die Wurzel nicht behandelt wurde.‘“

Stattdessen hat die Schule eine Klassen-Konferenz einberufen — ein formelles Verfahren, in dem die Mobbing-Vorfälle vor der Klasse besprochen wurden. Der Haupt-Mobber wurde versetzt. Die Mitläufer mussten an einem Anti-Mobbing-Workshop teilnehmen.

Was die Schule verschwiegen hat

„Das, was mich am meisten geärgert hat: Die Schule hatte das gleiche Problem schon zweimal in den letzten 5 Jahren erlebt — mit demselben Schüler. Niemand hat uns das gesagt. Wir mussten das selbst recherchieren.“

Andere Versäumnisse, die Christine identifiziert hat:

  • Keine flächendeckende Anti-Mobbing-Prävention im Lehrplan
  • Sehr selten Hinweise auf Hilfsangebote in den Elternabenden
  • Mobbing-Vorfälle werden statistisch kaum erfasst
  • Schulen haben Anreize, Probleme intern zu halten

Heute geht es ihr besser

„Drei Monate nach dem Beginn unseres Vorgehens hat meine Tochter wieder gerne in die Schule gegangen. Sie hat einen kleinen Sprachkurs außerhalb der Schule angefangen — etwas, wo sie wieder Erfolg gespürt hat. Das hat ihr Selbstvertrauen zurückgegeben.“

Anna Jordis, Geschäftsführerin der Sprachschule Jordis in Sindelfingen, bestätigt dieses Muster: „Wir sehen es jedes Jahr. Kinder, die in der Schule unter Druck stehen, finden in unseren kleinen Sprachgruppen einen geschützten Raum. Sie erleben Erfolge, finden neue Freunde, die nicht aus ihrer Schule kommen. Das ist oft das Puzzle-Stück, das ein gesundes Selbstbild zurückbringt.“

Wenn Sie ein Kind mit Mobbing-Problemen haben

  • Sofort handeln — keine Woche warten in der Hoffnung, dass es vorbeigeht
  • Zuhören ohne zu bewerten — Vertrauensbruch ist der schlimmste Fehler
  • Dokumentieren — alles, immer, mit Datum
  • Hotline anrufen: 116 111 (Kinder) / 0800 111 0 550 (Eltern) — beide kostenlos und anonym
  • Außerschulische positive Erlebnisse schaffen — Sport, Sprache, Musik, Kunst

„Was ich Eltern sagen würde: Es geht vorbei. Aber nur, wenn Sie aktiv werden. Niemand wird es für Sie tun.“

Quellen: Bertelsmann-Stiftung Mobbing-Studie 2026, Nummer gegen Kummer e.V., Deutsche Gesellschaft für Schulpsychologie, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Anna Jordis

Anna Jordis ist Geschäftsführerin der Sprachschule Jordis in Sindelfingen, die sie seit über 15 Jahren leitet. Diplomierte Sprachpädagogin (Universität Stuttgart) und zertifizierte Cambridge-Prüferin (CELTA, DELTA), unterrichtet sie Englisch, Deutsch als Fremdsprache und Business-Englisch. Ihre Schule hat 2026 den besten Cambridge-Durchschnitt der Region Stuttgart erreicht. Sie schreibt regelmäßig über Sprachen, Bildung in Deutschland und Sprachpädagogik.

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